Der Brief liegt vor dir: 650 Euro Nachzahlung. Dein Magen zieht sich zusammen. Woher kommt das? Du hast doch jeden Monat pünktlich deine Vorauszahlung überwiesen.
Erstmal durchatmen. Du bist nicht allein – und du musst nicht sofort zahlen.
Jede zweite Nebenkostenabrechnung in Deutschland enthält Fehler. Das heißt: Die Chance ist hoch, dass auch deine Nachzahlung nicht korrekt ist. In diesem Artikel zeige ich dir, wie du die Abrechnung prüfst, welche Rechte du hast – und wie du vorgehst, wenn du Fehler findest.
Das Wichtigste in Kürze
- Nicht sofort zahlen – erst prüfen!
- Du hast 30 Tage Zahlungsfrist ab Zugang der Abrechnung
- 50% aller Abrechnungen enthalten Fehler
- Widerspruchsfrist: 12 Monate nach Erhalt
- Option: Unter Vorbehalt zahlen (schützt dich vor Verzug)
- Ratenzahlung ist oft möglich (nachfragen!)
Warum ist die Nebenkostennachzahlung so hoch?
Bevor du in Panik gerätst: Es gibt legitime Gründe für hohe Nachzahlungen – aber auch viele Fehlerquellen. Hier die fünf häufigsten Ursachen:
Grund 1: Gestiegene Energiepreise
Die Energiepreise sind in den letzten Jahren explodiert. Auch wenn sich die Lage etwas entspannt hat, liegen die Kosten für Gas, Strom und Wasser noch deutlich über dem Niveau von vor wenigen Jahren. Der CO2-Preis (2025: 55€/Tonne) kommt obendrauf.
Besonders Fernwärme-Kunden haben es schwer: In manchen Regionen stiegen die Preise um 20-30%.
Grund 2: Ein kalter Winter
Klingt banal, ist aber ein häufiger Grund. Ein überdurchschnittlich kalter Winter bedeutet mehr Heizverbrauch – und höhere Kosten. Vergleiche deinen Verbrauch mit dem Vorjahr: Wenn der Verbrauch deutlich höher ist, kann das die Erklärung sein.
Grund 3: Zu niedrige Vorauszahlung
Viele Vermieter setzen die Vorauszahlung bewusst niedrig an, um die Wohnung attraktiver zu machen. Das rächt sich bei der Abrechnung. Besonders nach Energiepreissteigerungen passt die alte Vorauszahlung oft nicht mehr zu den tatsächlichen Kosten.
Faustregel: Wenn deine Nachzahlung mehr als 2-3 Monatsvorauszahlungen beträgt, war die Vorauszahlung definitiv zu niedrig angesetzt.
Grund 4: Leerstand im Haus
Stehen Wohnungen in deinem Haus leer? Dann solltest du aufpassen. Manche Vermieter versuchen, die Kosten des Leerstands auf die verbliebenen Mieter umzulegen – das ist aber nicht erlaubt.
Prüfzeichen: Die Gesamtwohnfläche in der Abrechnung ist kleiner als im Vorjahr oder kleiner als die tatsächliche Gebäudefläche.
Grund 5: Fehler in der Abrechnung
Und hier wird es interessant: Sehr viele Nachzahlungen sind schlicht falsch berechnet. Häufige Fehler:
- Falsche Wohnfläche in der Berechnung
- Nicht umlagefähige Kosten abgerechnet (Reparaturen, Verwaltung)
- Falscher Verteilerschlüssel angewendet
- Frist überschritten (dann musst du gar nicht zahlen!)
Mehr dazu: Betriebskostenabrechnung prüfen: Die komplette Anleitung
Erste Hilfe: Was du JETZT tun solltest
Du hast die Abrechnung gerade erhalten? Hier ist dein 4-Schritte-Sofortplan:
Schritt 1: Ruhe bewahren
Wichtig: Du musst nicht sofort zahlen. Du hast in der Regel 30 Tage Zeit, die Nachzahlung zu überweisen. Diese Zeit solltest du nutzen, um die Abrechnung zu prüfen.
Schritt 2: Datum notieren
Schreib dir auf, wann du die Abrechnung erhalten hast. Das Datum ist wichtig für zwei Fristen:
- Zahlungsfrist: Meist 30 Tage ab Zugang
- Widerspruchsfrist: 12 Monate ab Zugang
Schritt 3: Grob-Check machen
Bevor du ins Detail gehst, prüfe die Basics:
- Stimmt der Abrechnungszeitraum? (Meist ein Kalenderjahr)
- Ist deine Wohnung/Adresse korrekt?
- Sind deine Vorauszahlungen richtig aufgeführt?
- Kam die Abrechnung innerhalb von 12 Monaten nach Abrechnungsende?
Schritt 4: Unterlagen sammeln
Leg dir diese Dokumente bereit:
- Mietvertrag (dort stehen Vorauszahlung und Wohnfläche)
- Vorjahresabrechnung (zum Vergleich)
- Kontoauszüge (Nachweis deiner Zahlungen)
Nebenkostenabrechnung prüfen: Die 7-Schritt-Anleitung
Jetzt geht's ans Eingemachte. Mit diesen 7 Schritten findest du jeden Fehler.
Schritt 1: Abrechnungsfrist prüfen
Die wichtigste Prüfung zuerst: Hat dein Vermieter die 12-Monats-Frist eingehalten?
Dein Vermieter muss dir die Abrechnung innerhalb von 12 Monaten nach Ende des Abrechnungszeitraums zustellen. Bei einem Abrechnungszeitraum vom 01.01. bis 31.12.2024 muss die Abrechnung also bis zum 31.12.2025 bei dir ankommen.
Ist die Frist überschritten? Dann musst du keine Nachzahlung leisten (§ 556 Abs. 3 BGB). Ein Guthaben steht dir aber trotzdem zu!
Mehr dazu: Heizkostenabrechnung zu spät erhalten
Schritt 2: Formelle Vollständigkeit prüfen
Eine Abrechnung muss bestimmte Angaben enthalten:
- Abrechnungszeitraum klar genannt
- Gesamtkosten pro Kostenart aufgelistet
- Verteilerschlüssel für jede Position erklärt
- Dein Anteil nachvollziehbar berechnet
- Deine Vorauszahlungen abgezogen
Fehlt etwas? Dann ist die Abrechnung formal fehlerhaft.
Schritt 3: Umlagefähige Kosten prüfen
Nicht alles darf auf Mieter umgelegt werden. Erlaubt sind nur die 17 Kostenarten der Betriebskostenverordnung (BetrKV).
Typische nicht umlagefähige Kosten, die trotzdem auftauchen:
- ❌ Reparaturen (auch nicht als "Wartung" getarnt)
- ❌ Verwaltungskosten / Hausverwaltung
- ❌ Instandhaltung / Instandsetzung
- ❌ Bankgebühren
- ❌ Rechtsanwaltskosten
Mehr dazu: Nicht umlagefähige Nebenkosten erklärt
Schritt 4: Verteilerschlüssel kontrollieren
Die Gesamtkosten werden nach einem Schlüssel auf alle Mieter verteilt – meist nach Wohnfläche (m²), manchmal nach Personenzahl oder Wohneinheiten.
Prüfe:
- Welcher Schlüssel wird angewendet?
- Stimmt er mit deinem Mietvertrag überein?
- Ist dein Anteil rechnerisch korrekt? (Deine m² ÷ Gesamt-m² = dein Anteil)
Bei Heizkosten gilt: Mindestens 50% müssen nach Verbrauch abgerechnet werden!
Schritt 5: Wohnfläche vergleichen
Vergleiche die Wohnfläche in der Abrechnung mit der Angabe in deinem Mietvertrag. Weicht die Fläche ab, zahlst du möglicherweise zu viel – oder zu wenig.
Wichtig: Bei Abweichungen über 10% kannst du definitiv beanstanden.
Schritt 6: Vorjahresvergleich
Wenn du die Abrechnung vom Vorjahr hast, vergleiche:
- Haben sich einzelne Positionen um mehr als 30-50% erhöht?
- Sind neue Positionen hinzugekommen?
- Hat sich der Verteilerschlüssel geändert?
Extreme Steigerungen ohne offensichtlichen Grund sind verdächtig.
Schritt 7: Heizkosten-Spezialprüfung
Bei den Heizkosten gelten besondere Regeln. Prüfe:
- Werden mindestens 50% nach Verbrauch abgerechnet?
- Ist die CO2-Kostenaufteilung berücksichtigt?
- Sind alle Zähler fernablesbar?
Fehlt die Verbrauchserfassung? Dann hast du ein 15%-Kürzungsrecht!
Mehr dazu: Heizkostenabrechnung kürzen: Dein 15%-Recht
Vergleichswerte: Was ist eine normale Nachzahlung?
Um einzuschätzen, ob deine Kosten im Rahmen liegen, hier die Durchschnittswerte:
Durchschnittliche Nebenkosten 2024/2025
| Kostenart | Durchschnitt (€/m²/Monat) | Normal bis |
|---|---|---|
| Heizung (Gas) | 1,40 € | 2,00 € |
| Heizung (Fernwärme) | 1,50 € | 2,10 € |
| Warmwasser | 0,30 € | 0,45 € |
| Kaltwasser/Abwasser | 0,35 € | 0,50 € |
| Müllabfuhr | 0,20 € | 0,30 € |
| Grundsteuer | 0,20 € | 0,35 € |
| Gebäudeversicherung | 0,20 € | 0,30 € |
| Hausmeister | 0,25 € | 0,40 € |
| Alle Nebenkosten | ~2,50-3,50 € | ~4,00 € |
Quelle: Betriebskostenspiegel des Deutschen Mieterbunds
Rechenbeispiel: 70m²-Wohnung
- Durchschnittliche Nebenkosten: 70m² × 3,00€ × 12 Monate = 2.520€/Jahr
- Deine Vorauszahlung: 150€ × 12 = 1.800€/Jahr
- Erwartbare Nachzahlung: 720€
Liegt deine Nachzahlung deutlich darüber? Dann lohnt sich die genaue Prüfung.
Widerspruch einlegen: So gehst du vor
Du hast Fehler gefunden? Dann ist es Zeit für den Widerspruch.
Wann solltest du widersprechen?
- Formelle Fehler (fehlende Angaben, Fristüberschreitung)
- Nicht umlagefähige Kosten abgerechnet
- Falscher Verteilerschlüssel
- Falsche Wohnfläche
- Heizkosten nicht nach Verbrauch abgerechnet
Wie widersprichst du richtig?
- Schriftlich: Per Brief oder E-Mail (bei wichtigen Fällen: Einschreiben)
- Konkret: Benenne genau, welche Position falsch ist und warum
- Mit Frist: Setze dem Vermieter eine Frist (14 Tage sind üblich)
- Unter Vorbehalt: Erkläre, dass du unter Vorbehalt zahlst
[Dein Name] [Deine Adresse] [PLZ Ort]
[Name Vermieter/Hausverwaltung] [Adresse Vermieter] [PLZ Ort]
[Ort], den [Datum]
Betreff: Widerspruch gegen die Nebenkostenabrechnung für den Zeitraum [01.01.20XX bis 31.12.20XX] Mietvertrag vom [Datum], Wohnung [Adresse/Bezeichnung]
Sehr geehrte Damen und Herren,
gegen die oben genannte Nebenkostenabrechnung vom [Datum] lege ich hiermit fristgerecht Widerspruch ein.
Ich beanstande folgende Punkte:
-
[Fehler beschreiben, z.B.: Die Position "Verwaltungskosten" in Höhe von XX Euro ist gemäß Betriebskostenverordnung nicht umlagefähig.]
-
[Weiterer Fehler, z.B.: Die angegebene Wohnfläche von XX m² weicht von der im Mietvertrag vereinbarten Fläche von XX m² ab.]
-
[Ggf. weitere Fehler]
Ich bitte Sie, die Abrechnung bis zum [Datum + 14 Tage] zu korrigieren und mir eine überarbeitete Version zukommen zu lassen.
Gleichzeitig mache ich von meinem Recht auf Belegeinsicht nach § 259 BGB Gebrauch und bitte um einen Termin zur Einsichtnahme in die Originalbelege.
Die geforderte Nachzahlung in Höhe von [Betrag] Euro überweise ich unter dem ausdrücklichen Vorbehalt der Nachprüfung. Ich behalte mir die Rückforderung vor, sofern meine Einwände berechtigt sind.
Mit freundlichen Grüßen
[Unterschrift] [Dein Name]
Ersetze die Platzhalter in [eckigen Klammern] mit deinen Daten
Ausführlichere Informationen: Widerspruch gegen die Heizkostenabrechnung
Muss ich die Nachzahlung trotzdem zahlen?
Die kurze Antwort: Es kommt darauf an.
Option 1: Komplett unter Vorbehalt zahlen
Du überweist den vollen Betrag, schreibst aber in den Verwendungszweck: "Unter Vorbehalt der Nachprüfung".
Vorteile:
- Du gerätst nicht in Zahlungsverzug
- Keine Kündigung wegen Mietrückstand möglich
- Du kannst das Geld später zurückfordern, wenn sich Fehler bestätigen
Option 2: Teilzahlung + Widerspruch
Du zahlst den unstrittigen Teil und behältst den strittigen Betrag ein.
Beispiel: Nachzahlung 650€, davon 150€ offensichtlich falsch abgerechnet → Du zahlst 500€ und begründest im Widerspruch, warum du 150€ einbehältst.
Achtung: Diese Option birgt Risiken. Wenn sich herausstellt, dass die Abrechnung doch korrekt war, schuldest du den Betrag plus Verzugszinsen.
Option 3: Ratenzahlung vereinbaren
Du kannst bei deinem Vermieter um Ratenzahlung bitten. Es gibt keinen Rechtsanspruch darauf, aber viele Vermieter stimmen zu.
Tipps:
- Schriftlich anfragen
- Konkreten Vorschlag machen (z.B. 3 Raten à 200€)
- Begründung liefern (hohe Einmalbelastung)
Sonderfall: Die erste Nebenkostenabrechnung
Du bist neu in der Wohnung und bekommst deine erste Abrechnung – und die Nachzahlung ist schockierend hoch?
Warum das passiert:
- Der Vermieter hat die Vorauszahlung bewusst niedrig angesetzt, um die Wohnung attraktiver zu machen
- Du hattest keine Vergleichswerte vom Vormieter
- Die Energiepreise sind seit deinem Einzug gestiegen
Was du tun kannst:
- Prüfung wie bei jeder Abrechnung – Fehler sind auch hier möglich
- Vorauszahlung für die Zukunft anpassen – damit die nächste Nachzahlung geringer ausfällt
- Bei extremer Abweichung: War die niedrige Vorauszahlung arglistig? Wurde im Mietvertrag oder bei der Besichtigung etwas Falsches behauptet?
Faustregel: Wenn die Nachzahlung mehr als das Dreifache der monatlichen Vorauszahlung beträgt, war diese definitiv unrealistisch.
Häufige Fragen zur Nebenkostennachzahlung
Kann ich die Nebenkostennachzahlung verweigern?
Wie hoch darf die Nebenkostennachzahlung sein?
Was passiert, wenn ich die Nachzahlung nicht zahle?
Kann ich Ratenzahlung verlangen?
Wie lange habe ich Zeit für einen Widerspruch?
Kann der Vermieter die Vorauszahlung nach der Abrechnung erhöhen?
Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine Rechtsberatung. Bei hohen Streitwerten oder komplexen Fällen empfehlen wir den örtlichen Mieterverein oder einen Fachanwalt für Mietrecht.
Weiterführende Artikel:
- Heizkosten-Nachzahlung zu hoch? Das kannst du tun
- Nebenkostenabrechnung prüfen: So findest du jeden Fehler
- Betriebskostenabrechnung prüfen: Die komplette Anleitung
- Nicht umlagefähige Nebenkosten erklärt
- Widerspruch gegen die Heizkostenabrechnung
- Belegeinsicht bei der Nebenkostenabrechnung
Quellen:

